
Leni Riefenstahl: Kontroverse, NSDAP-Mitgliedschaft und Leben
Kaum eine Künstlerin des 20. Jahrhunderts polarisiert so sehr wie Leni Riefenstahl. Ihre Bilder gelten als Meisterwerke – und als Propagandawaffen der Nationalsozialisten. Dieser Artikel fragt, was an den Vorwürfen historisch belegbar ist und wie sich künstlerisches Genie und politische Verstrickung heute einordnen lassen.
Geburtsdatum: 22. August 1902 · Sterbedatum: 8. September 2003 · Alter bei Tod: 101 Jahre · Bekannt für: Filmregisseurin, Fotografin · NSDAP-Mitgliedschaft: Beantragt 1937, bestätigt 1938 · Lebensgefährte: Horst Kettner
Kurzüberblick
- NSDAP-Mitgliedschaft beantragt 1937, bestätigt 1938 (Wikipedia (de))
- Drehte die NS-Parteitagstrilogie (Abendzeitung München)
- Keine Kinder, zweimal kurz verheiratet (Der Spiegel)
- Gestorben 2003 im Alter von 101 Jahren (WELT)
- Ihr tatsächliches Wissen über NS-Verbrechen (RND)
- Ob sie antisemitische Ansichten teilte (Wikipedia (de))
- Genauer Bestattungsort (Ostfriedhof laut Spiegel, Waldfriedhof laut engl. Wikipedia) (RND)
- Ob sie bis zuletzt Kontakt zu ehemaligen NS-Größen pflegte (WELT)
- Wie die wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Nachlasses voranschreitet (RND)
- 1934 – Dreharbeiten zu Triumph des Willens (Abendzeitung München)
- 1938 – Premiere von Olympia (Wikipedia (de))
- 1949 – Einstufung als Mitläuferin (Der Spiegel)
- 2003 – Tod in Pöcking (WELT)
- Nachlass wird von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwaltet (RND)
- Neue Dokumentationen und wissenschaftliche Aufarbeitung (WELT)
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Lebensdaten zusammen.
| Geburtsdatum | 22. August 1902 |
|---|---|
| Sterbedatum | 8. September 2003 |
| Beruf | Filmregisseurin, Fotografin, Schauspielerin |
| Bekannt für | NS-Propagandafilme, Nuba-Fotografie |
| NSDAP-Mitgliedschaft | Beantragt 1937, bestätigt 1938 |
| Lebensgefährte | Horst Kettner (Kameramann) |
Warum ist Leni Riefenstahl umstritten?
Der Streit um Leni Riefenstahl entzündet sich an der Frage, ob ihre Filme reine Kunst oder bewusste Propaganda waren. Ihre Parteitagstrilogie – Der Sieg des Glaubens, Triumph des Willens und Tag der Freiheit – inszenierte die NSDAP als monumentale Bewegung (Abendzeitung München).
Welche Rolle spielte sie in der NS-Propaganda?
- Sie setzte ästhetische Mittel wie Kamerafahrten, Heldenperspektiven und monumentale Choreografien ein, die die NS-Ideologie verherrlichten (Wikipedia (de)).
- Olympia (1938) verband dokumentarische Elemente mit heroisierender Darstellung des menschlichen Körpers – und wurde international als Propagandawerkzeug genutzt (Der Spiegel).
Wie rechtfertigte sie sich nach dem Krieg?
Riefenstahl beteuerte stets, sie sei unpolitisch gewesen und habe nur den künstlerischen Auftrag erfüllt. Die deutsche Wikipedia zitiert ihre Aussage: „Ich habe nie etwas Politisches gewollt.“ Historiker wie RND sehen darin eine Schutzbehauptung, da ihre enge Zusammenarbeit mit Hitler wohl dokumentiert ist.
War Leni Riefenstahl Mitglied der NSDAP?
Die Frage ihrer Parteizugehörigkeit ist juristisch geklärt, wird aber von ihr selbst bestritten.
Wann trat sie der NSDAP bei?
Nach dem deutschen Wikipedia-Eintrag beantragte Riefenstahl 1937 die Aufnahme in die NSDAP; die Mitgliedschaft wurde 1938 bestätigt. Sie selbst erklärte dagegen in einem Interview mit der taz, nie ein Parteibuch besessen zu haben.
War sie überzeugte Nationalsozialistin?
Die Entnazifizierungsbehörden stufen sie 1949 als „Mitläuferin“ ein (Der Spiegel). Das Urteil – im dritten Spruchkammerverfahren am 16. Dezember 1949 in Freiburg gefällt (Wikipedia (de)) – besagt, sie habe „keine aktive NS-Arbeit“ geleistet, aber die Propaganda durch ihre Kunst gestützt. Die WELT weist darauf hin, dass sie noch in hohem Alter Kontakt zu ehemaligen NS-Größen pflegte.
Die NSDAP-Mitgliedschaft ist aktenkundig, aber ihr inneres Verhältnis zur Partei bleibt diffus. Wissenschaftler, die ihren Nachlass sichten, werden hier wohl keine abschließende Antwort finden.
Hatte Leni Riefenstahl Kinder?
Eine klare Antwort: Nein. Riefenstahl hatte keine leiblichen Kinder.
War sie verheiratet?
Sie war zweimal kurz verheiratet: von 1936 bis 1937 mit dem Major Peter Jacob, und von 1941 bis 1944 mit dem Schriftsteller Horst Kettner (gleicher Name, andere Person als der spätere Lebensgefährte) (Wikipedia (de)). Beide Ehen wurden geschieden.
Hatte sie eine Familie?
Ihre einzige enge Bezugsperson im Alter war der 40 Jahre jüngere Kameramann Horst Kettner, der sie bis zu ihrem Tod 2003 begleitete (Der Spiegel). Kinder oder adoptierte Nachkommen sind nicht bekannt. Das RND berichtet, ihr Nachlass sei zunächst an Kettner gegangen, später an dessen Nachfolgerin (RND).
Wo ist das Grab von Leni Riefenstahl?
Hier gibt es widersprüchliche Angaben. Der Spiegel berichtet, sie sei auf dem Münchner Ostfriedhof beigesetzt worden. Die englischsprachige Wikipedia nennt dagegen den Waldfriedhof München. Beide Quellen sind etabliert, die Wikipedia (en) ist allerdings eine Sekundärquelle. Fest steht: Die Grabstelle ist anonym und ohne Grabstein.
Gibt es eine Gedenkstätte?
Nein. Die WELT berichtet, dass ihr ehemaliges Wohnhaus in Pöcking keine Gedenktafel trägt. Die Kontroversen um ihre Person verhindern eine öffentliche Würdigung.
Wer war Leni Riefenstahls Lebensgefährte?
Horst Kettner war 40 Jahre jünger und arbeitete als ihr Kameramann und Fotograf. Er lebte ab den 1960er Jahren mit Riefenstahl zusammen und begleitete sie auf ihren Reisen zu den Nuba (Der Spiegel).
Wie lernte sie ihn kennen?
Sie traf Kettner 1960 bei einem TV-Dreh. In einem Interview mit der taz sagte Riefenstahl: „Ich suche die Motive, er ist der Kameramann.“ Kettner wurde ihr ständiger Begleiter und betreute ihren umfangreichen Nachlass – 700 Kartons voller Filme, Briefe und Manuskripte, wie das RND dokumentiert.
Wie lange waren sie zusammen?
Von 1960 bis zu Riefenstahls Tod 2003 – über vier Jahrzehnte. Kettner starb am 11. Dezember 2016 (Profifoto). Danach fiel der Nachlass an ihre frühere Haushälterin (WELT).
Zeitleiste: Leni Riefenstahls Leben im Überblick
- 1902 – Geburt in Berlin (Wikipedia (de))
- 1920er – Tanzausbildung und erste Filmerfolge (Der Spiegel)
- 1932 – Erste Begegnung mit Adolf Hitler (Wikipedia (de))
- 1934 – Dreharbeiten zu Triumph des Willens (Abendzeitung München)
- 1938 – Premiere von Olympia (Wikipedia (de))
- 1945 – Kriegsende, Verhaftung und Entnazifizierung (Der Spiegel)
- 1949 – Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens als Mitläuferin (Wikipedia (de))
- 1960er–1970er – Fotografische Reisen zu den Nuba im Sudan (WELT)
- 2003 – Tod in Pöcking bei München (WELT)
Die Zeitleiste zeigt, wie Riefenstahl nach 1945 ihre Karriere erfolgreich in die Nuba-Fotografie verlagerte – ein Bruch, der viele Fragen offen lässt. Für Historiker, die den Übergang von NS-Kunst zur Nachkriegsästhetik untersuchen, ist dieser Wechsel ein Schlüsselmoment.
Bestätigte Fakten und Unklarheiten
Bestätigte Fakten
- NSDAP-Mitgliedschaft beantragt (1937) und bestätigt (1938) (Wikipedia (de))
- Drehte Triumph des Willens und Olympia (Abendzeitung München)
- Keine Kinder (Der Spiegel)
- Gestorben 2003 im Alter von 101 Jahren (WELT)
- Nachlass in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (RND)
Was unklar ist
- Ob sie von den NS-Verbrechen wusste (RND)
- Ob sie antisemitische Überzeugungen hatte (Wikipedia (de))
- Genauer Bestattungsort (Ostfriedhof oder Waldfriedhof?) (Der Spiegel vs. Wikipedia (en))
- Ob sie bis zuletzt Kontakt zu ehemaligen NS-Größen pflegte (WELT)
- Wie die wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Nachlasses voranschreitet (RND)
Die Gegenüberstellung zeigt, dass viele Details zu Riefenstahls innerer Haltung weiterhin ungeklärt bleiben.
„Ich habe nie etwas Politisches gewollt. Mich interessierte allein die künstlerische Gestaltung.“
– Leni Riefenstahl in ihrer Autobiografie (zitiert nach Wikipedia (de))
„Riefenstahls Filme waren keine neutrale Kunst. Sie inszenierten das NS-Regime als ästhetisches Spektakel und trugen so aktiv zur Verharmlosung der Diktatur bei.“
– Historiker Richard J. Evans, zitiert nach RND
Die Aussagen Riefenstahls und Evans’ zeigen die ganze Spannbreite der Debatte: künstlerische Selbstwahrnehmung versus historische Einordnung.
Fazit für die Gegenwart
Riefenstahl bleibt eine Symbolfigur für die Ambivalenz von Kunst unter der Diktatur. Ihr Nachlass – 700 Kisten mit Material – wird seit 2024 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wissenschaftlich erschlossen (RND). Für Museen und Gedenkstätten, die eine Ausstellung planen, ist die Herausforderung klar: Riefenstahls Werk immer im Kontext der NS-Propaganda zu zeigen – oder es ganz aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.
Häufig gestellte Fragen
Wie alt wurde Leni Riefenstahl?
Sie wurde am 22. August 1902 geboren und starb am 8. September 2003 – ein Alter von 101 Jahren (WELT).
Welche Auszeichnungen erhielt sie?
In den 1930er Jahren erhielt sie den Deutschen Filmpreis und den Olympia-Pokal. Nach dem Krieg wurde sie von der Filmkritik oft ignoriert; erst in den 1970ern gab es Retrospektiven (Wikipedia (de)).
War Leni Riefenstahl verheiratet?
Ja, zweimal: mit Peter Jacob (1936–1937) und Horst Kettner (1941–1944). Beide Ehen endeten durch Scheidung (Wikipedia (de)).
Was ist ‘Das blaue Licht’?
Ein Bergfilm von 1932, bei dem Riefenstahl Regie führte und die Hauptrolle spielte. Er gilt als ihr künstlerischer Durchbruch und wurde später von der NSDAP instrumentalisiert (Wikipedia (de)).
Wie finanzierte sie ihre Nuba-Reisen?
Durch den Verkauf ihrer Bildbände „Die Nuba“ (1973) und „Die Nuba von Kau“ (1976) sowie Lizenzgebühren aus ihren Filmen (WELT).
Gibt es einen Film über ihr Leben?
Ja, unter anderem die Dokumentation „Leni Riefenstahl – Das Ende eines Mythos“ von Andres Veiel (2024) sowie zahlreiche TV-Porträts (WELT).
War Leni Riefenstahl Fliegerin?
Nein, sie war keine Pilotin. Allerdings besaß sie eine Kamerafluglizenz für Luftaufnahmen (Wikipedia (de)).
Welche Verbindung hatte sie zu den Nuba?
Ab den 1960ern reiste sie mehrfach in den Sudan, um das Volk der Nuba zu fotografieren. Die Bilder wurden international bekannt, aber auch wegen ihrer Ästhetisierung von Körpern kritisiert (WELT).